Ein bescheidenes Musikinstrument des Mittelalters und der Renaissance, ist eine Blockflöte aus einem Tierhorn, meist aus Rinderhorn.

Den Namen hat es erhalten von den frühesten Hornflöten, die sicherlich aus Gämsenhörnern gemacht worden sind.

{mosimage}Aber bereits in der Renaissance gab es Gemshörner auch aus Rinderhörnern, wie ein Kupferstich von Hendrik Goltzius (1528-1617) beweist. Er stellt die Muse „Melpomene“ dar mit einem Liedblatt auf dem Schoß und einem Gemshorn (vom Rind) in der rechten Hand.

Andere  Abbildungen deuten auf Ziegenhörner hin, und das einzige noch erhaltene Gemshorn, das im Musikinstrumentenmuseum in Berlin gezeigt wird, ist aus einem Ziegenhorn gefertigt.

Michael Praetorius (1571-1621) erwähnt in seinem Werk „Syntagma musicum“ das Gemshorn mit einem Satz: „Gembshörner seynd lieblich am Thon.“

Und dieses trifft auch wirklich zu. Die Gemshörner zeichnen sich durch einen lieblichen, eingefangenen, aber trotzdem vollen Ton aus. Gemshörner kann man nicht überblasen, da die Luftsäule unten geschlossen (gedackt) ist. Sie gehören in die Gruppe der Gefäßflöten.

 

Aber auch für den Tonraum von 9 ½ Tönen existiert genügend Literatur aus Mittelalter und Renaissance, dass man sehr abwechslungsreich Gemshornmusik betreiben kann.

Ob damals schon mehrstimmig auf Gemshörnern musiziert wurde, weiß man nicht. Heute werden Gemshörner im Quartett oder sogar im Quintett hergestellt.

Dazu werden aber auch sehr große Hörner notwendig, die unsere heimischen Rinder nicht liefern. Viel größere Hörner hat eine Rinderrasse aus Afrika, das sog. Kaprind. Manchem Fernsehzuschauer sind diese Rinder von Berichten aus Afrika bekannt, Hörner mit einer Länge von 1 m sind keine Seltenheit.

Es ist nicht einfach, dem Horn, welches als Waffe für das Tier gewachsen ist, die Eigenschaften einer gut klingenden Blockflöte zu geben. Jedes Horn ist anders geformt und die meisten eignen sich nicht. Sie müssen sorgsam ausgesucht werden.

 

Der sog. „Block“ muss sich der unregelmäßigen Wandung genau anpassen. Er wird nicht gedrechselt oder geschnitzt, sondern aus Zement gegossen. Das Hauptaugenmerk muss auf den Windkanal und

das Fenster mit dem Labium gerichtet werden. Da kommt es auf Bruchteile von Millimetern an.

Diese Schwierigkeit wird von manchen Gemshornbauern umgangen, indem sie einen „Holzkopf“ mit fertigem Windkanal  auf das Horn aufkleben. So entsteht ein Gemshorn aus zwei verschiedenen Materialien, welche leider das Wesen des Gemshorns verändern und die Fülle des Tons mindern.

 

Das einzig überlebende Gemshorn in Berlin ist selbstverständlich aus dem ganzen Ziegenhorn.

Nicht einfach ist es auch, die richtige Tonlage (c oder f) zu treffen. Ich ( Herr Ertel ) schütte eine bestimmte Menge Hirsekörner in das Rohhorn und markiere die Höhe der entstandenen Säule.

{gallery}instrumente{/gallery}Eine langwierige Arbeit ist das Abstimmen des Instrumentes. Grifflöcher können riesig groß, aber auch winzig klein werden. Nicht selten müssen auch Grifflöcher wieder zugemauert werden.

 

Nach dem Kauf eines Gemshornes muss sich der Spieler die besten Gabelgriffe für die Zwischentöne heraussuchen. 

Gemshornblasen ist zwar leicht, aber zu einem sauberen Zusammenspiel gehört ein feines Gehör und große Anpassungsfähigkeit. Der sog. „Ziehbereich“, die Veränderung der Tonhöhe durch den Atemdruck ist größer als z.B. bei der Blockflöte.

Meinrad Ertel